Zu viel versprochen?

Eine Welt ohne tödliche und schwere Arbeitsunfälle – das ist das Ziel der Vision Zero. Doch kann dieses Ziel jemals erreicht werden? Expertinnen und Experten aus allen Teilen der Welt diskutierten diese Frage beim Symposium „Wodurch wird Vision Zero zum Erfolgsmodell für Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit?“

s06_zero3Vision Zero – it is up to you! Das war das Motto des Symposiums, das den Bogen spannte von Deutschland über die Türkei, Nigeria, Singapur und China bis nach Australien. Es zeigte sich: Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit sind in allen Teilen der Welt ein wichtiges Thema und die Verhinderung von tödlichen und schweren Unfällen ein zentrales Anliegen. Und dennoch sorgt der Slogan „Vision Zero“ immer wieder für Kontroversen: für die einen bedeutet er ein anzustrebendes Ziel, für die anderen ist es ein Versprechen, das nicht erfüllt werden kann. „Ist Vision Zero ein realistischer Ansatz?“, fragte daher die türkische Fernseh-Moderatorin Ahu Özyurt zu Beginn des Symposiums in das Plenum. Es zeigte sich: Die Mehrheit stand dem Ausdruck positiv gegenüber, doch bei weitem nicht alle.

Erste Erfolge aus Wissenschaft und Forschung

Um Arbeitsunfälle zu verhindern, gibt es weltweit vielfältige Ansätze. Dr. Siok Lin Gan vom Workplace Safety and Health Institute in Singapur berichtete von den Erfahrungen aus dem kleinen südostasiatischen Staat. Nach einer Serie von 15 tödlichen Unfällen innerhalb weniger Wochen setzte die Regierung 2004 ein Programm auf, mit dem Ziel, die Rate der tödlichen Arbeitsunfälle bis zum Jahr 2015 von 4,9 auf 2,5 pro 100.000 Beschäftigte zu senken. Eine Vorgabe, die bereits 2013 mit einer Rate von 2,1 tödlichen Arbeitsunfällen mehr als erfüllt wurde. „Der Fokus auf eine ganz konkrete Zahl hat uns geholfen, dieses Ziel zu erreichen“, erläuterte Siok Lin Gan. Allerdings stagniere diese nun. „Jetzt müssen wir Wege finden, Herz und Verstand der Beschäftigten zu erreichen, außerhalb der üblichen Reglementierungen.“

Im Verlauf des Symposiums stellten weitere Expertinnen und Experten ihre Forschungsarbeit aus dem Bereich der Arbeitssicherheit und der Verkehrssicherheit vor, so etwa Candice Potter von der Queensland University of Technology, die über tödliche Verkehrsunfälle von Minenarbeitern in Australien referierte. Dr. Ellen Schmitz-Felten von der Kooperationsstelle Hamburg IFE stellte das Projekt VeSafe vor, einer Best Practice-Plattform zur Verbesserung des Arbeitsschutzes im Transportsektor.


hier video-name

 

 

„Zero Harm Policy“: Beispiele aus den Unternehmen

Doch nicht nur Gäste aus der Forschung, auch Fachleute aus Unternehmen berichteten über ihre Erfahrungen mit der Vision Zero. So etwa Qing Hao Hawking Li von Siemens Limited China. Das weltweit operierende Unternehmen hat im Jahr 2012 ein „Zero Harm Culture Program“ für seine Energiesparte gestartet. Die Grundlage bereiten drei Prinzipien, die alle Beschäftigten befolgen müssen: den Glauben daran, dass das Ziel der Vision Zero erreichbar ist, niemals Kompromisse bei Sicherheit und Gesundheit zu machen sowie gegenseitig aufeinander zu achten.

Während die Chinesen damit bereits sehr weit sind, steht Afrika noch ganz am Anfang. Gbolahan Kamil Abiodun von der nigerianischen DeltAfrik Engineering Limited trug vor, wo die Probleme im Bereich der afrikanischen Bauwirtschaft liegen: Rund 70 Prozent der Beschäftigten dort arbeiten in der informellen Wirtschaft, ohne geregelte Arbeitsverhältnisse und ohne ein Bewusstsein für das Thema Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Nichtsdestotrotz zeigen erste unternehmensspezifische Ansätze Erfolge, wie etwa das Bay Atlantic Construction Project.

Noch einmal von vorne: Ein realistischer Ansatz?

„Ist Vision Zero ein realistischer Ansatz?“, wiederholte die Moderatorin Ahu Özyurt zum Abschluss des Synposiums ihre Frage an das Plenum. Tatsächlich ließen sich mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als zu Anfang davon überzeugen, dass das Ziel der Vision erreicht werden könne. Doch einige Skeptiker blieben. Unter ihnen ein ganz bekannter: Errol Frank Stoové. Der Präsident der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) begründete: „Risiken sind ein Teil unseres Lebens. Es geht in die richtige Richtung, doch ich möchte Sie warnen: Versprechen Sie nicht zu viel.“

Text: Sanja Zec