Mit Begeisterung und Leidenschaft auf dem Weg zur Vision Zero

Singapur lädt ein zum XXI. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2017

 

„Eine Präventionskultur im globalen Maßstab, die sich „Vision Zero“ als Ziel gesetzt hat, ist nur gemeinsam, in der Zusammenarbeit aller Länder, erreichbar“, sagte Kongresspräsident Dr. Walter Eichendorf zum Abschluss der viertägigen Veranstaltung in Frankfurt. Der XX. Weltkongresses für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2014 habe deutlich gemacht, dass jede Kultur zu den Fragen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes eigene Werte und Problemlösungen anbieten könne. Die Weltgesellschaft müsse lernen und akzeptieren, dass es keine Universallösungen geben könne. Nur unter Nutzung der länderspezifischen Potenziale lasse sich eine gemeinsame Präventionskultur entwickeln – mit der Chance, regional und lokal unterschiedlich gelebt zu werden.

„Aber spätestens nach diesem XX. Weltkongress haben wir mit der Vision Zero eine gemeinsame Grundlage“, hielt Eichendorf fest. 2008 hätten die Internationale Arbeitsorganisation (IAO), die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und die Koreanische Agentur für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (KOSHA) mit der Erklärung von Seoul erstmals gemeinsam ihren Willen zur Schaffung einer weltweiten Präventionskultur zum Ausdruck gebracht. Bis heute hätten mehr als 400 Institutionen weltweit diese Erklärung unterzeichnet. „Wir sind schon weit gekommen, aber noch nicht am Ende des Weges“, sagte Eichendorf. Unverändert gelte, dass Prävention als gesellschaftliches Werteprinzip fortentwickelt werden müsse, vom Kindergarten bis zum Lebensende. Denn wer arbeite, mache auch Fehler. Deshalb müssten Arbeitsplätze und -verfahren fehlertolerant gestaltet sein, forderte Eichendorf. Präventionskultur sei eine wichtige Grundlage hierfür.

Nancy Leppink, Direktorin der IAO, und Hans-Horst Konkolewsky, Generalsekretär der IVSS, zeigten sich überrascht von der Leidenschaft und der Begeisterungsfähigkeit, mit der die vielen Themen des Weltkongresses gerade auch von jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufgenommen und diskutiert worden seien. Die Herausforderungen, die die Arbeitswelt auch künftig mit sich bringe, seien groß, aber das Echo auf den Kongress ermutige dazu, diese Herausforderungen anzunehmen. „Ja, es ist möglich, eine gemeinsame Präventionskultur zu schaffen!“ – Konkolewsky forderte die rund 2.000 Teilnehmer der Abschlussveranstaltung dazu auf, mit dieser Botschaft im Herzen in die Heimatländer zurückzukehren und mit neuem Engagement weiter zu arbeiten.

Der nächste Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit wird 2017 in Singapur stattfinden. Damit wird der Kongress erstmals in seiner mehr als 60jährigen Geschichte in Südostasien zu Gast sein. Auch Singapur sei im Begriff, den Paradigmawechsel hin zu einer Vision Zero nachzuvollziehen, sagte der Erste Staatssekretär im dortigen Ministerium für Arbeit, Hawazi Daipi. Er kündigte an, man werde auf dem geplanten Kongress versuchen wegzukommen „von der Fehlersuche und den Weg hin zur Lösungssuche“ einschlagen und lud die versammelte Community auf ein Wiedersehen in Singapur ein.


hier video-name

 

 

Zu Beginn der Abschlusszeremonie hatte Professor Dr. Franz Josef Radermacher von der Universität Ulm und Vorstand des dortigen Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung das Publikum mit einem Vortrag zum Zusammenhang von Globalisierung, Nachhaltigkeit, Zukunft und deren Bedeutung für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Er hatte darauf hingewiesen, dass Prävention zwar ein ethisch anspruchsvolles und ökonomisch sinnvolles Anliegen sei. Aber es müsse auch die Frage gestellt werden, was davon letztlich auch den Ärmsten der Armen zugute komme. Er forderte dazu auf, sich bewusst zu machen, dass vieles, was wir in den reichen, entwickelten Ländern an Lösungen entwickelten und umsetzten, letztlich nur uns selbst diene und nicht denen, die es am dringendsten brauchten.

Radermacher forderte in Übereinstimmung mit dem Club of Rome eine Global Governance , die darauf angelegt sei, mit ethisch basierten, neu formulierten Regeln die Auswüchse des traditionellen kapitalistischen Systems zu vermeiden und das wirtschaftlich-sozial-kulturelle Leben in eine Balance zu bringen. Selbst die USA hätten viele Kernstandards der ILO bis heute nicht ratifiziert, was zeige, wie schwierig es sei, im globalen Maßstab den so dringend benötigten Konsens herzustellen, der für die Lösung so vieler Probleme unabdingbar sei. Dabei würden die Probleme nicht weniger. Insbesondere die Informationstechnologie sorge für eine nie dagewesene Beschleunigung. So erlebe der moderne Mensch in seiner persönlichen Lebensspanne den Wandel in einer Häufigkeit, die früher für mehrere Generationen ausgereicht hätte. Zum Glück gebe es heute aber auch in aller Welt so viele gut ausgebildete Menschen wie niemals zuvor. Darauf setze er seine ganze Hoffnung für eine gerade noch rechtzeitige Lösung der drängendsten Probleme.

Text: Norbert Ulitzka