„Vision Zero muss Wirklichkeit werden!“

Eine umfassende Präventionskultur mit globaler Ausstrahlung – das war die zentrale Botschaft der Eröffnungsveranstaltung zum Weltkongress 2014. Internationale Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sozialorganisationen erlebten einen inspirierenden Start in eine neue Ära der Prävention.

eichendorf„Wir sind glücklich und stolz, rund 4.000 Expertinnen und Experten aus 141 Ländern willkommen zu heißen.“ Mit diesen Worten eröffnete Kongress-Präsident Dr. Walter Eichendorf den XX. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2014 in Frankfurt am Main. Nie zuvor habe eine der Vorläuferveranstaltungen Vertreter so vieler Länder erreicht. Die nächsten drei Kongresstage böten Gelegenheit, die dringendsten Probleme im Arbeitsschutz zu diskutieren und Lösungen aus aller Welt kennenzulernen, versprach Eichendorf. Zahlreiche Plenarveranstaltungen, 30 Symposien, eine Special Media Session für visuelle Produktionen und das neuartige „Forum für Prävention“ mit mehr als 200 Präsentationen gäben Gelegenheit, neue Präventionsstrategien zu erleben und für die eigene Arbeit in den Heimatländern zu nutzen. Ziel müsse es sein, eine globale Präventionskultur zu entwickeln, die der Sicherheit des Menschen bei der Arbeit höchste Priorität einräume. Eine interaktive Aktionsfläche auf dem Kongressgelände, eine begleitende Messe und Ausstellung mit 250 Anbietern sowie zahlreiche Fachexkursionen zu weltbekannten Unternehmen im Großraum Frankfurt lieferten darüber hinaus unzählige Anregungen für eine weitere Intensivierung des Arbeitsschutzes.

Guy Ryder: Mehr Aufmerksamkeit für Arbeitsschutz

Mit Guy Ryder nahm erstmals ein Generalsekretär der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) an einem Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit teil. „Es ist für mich ein absolutes Erfordernis, hier zu sein“, sagte Ryder in seinem Grußwort. Laut Zahlen der IAO sterben weltweit jährlich weit über zwei Millionen Menschen an den Folgen von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Erkrankungen – mehr als in allen Kriegen zusammen! Und doch werde dem Thema in den Medien noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vielmehr dominierten dort einzelne Tragödien das Bild. „Das darf nicht sein“, so Ryder. Von den anwesenden Expertinnen und Experten forderte er, die Vision Zero zu einer Wirklichkeit werden zu lassen. Dies könne nur durch „eine gemeinsame Kultur der Intoleranz“ gegenüber Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Erkrankungen gelingen, schloss Ryder.

Errol Frank Stoové: Eine neue Ära der Prävention

Der Präsident der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS), Errol Frank Stoové, erinnerte daran, dass dieser Weltkongress auch ein Jubiläum darstelle, denn es sei die 20. Veranstaltung, seit die IVSS dieses Ereignis 1955, vor fast 60 Jahren, in Rom aus der Taufe gehoben habe. Den Kongress heute als Globales Forum für Prävention der Öffentlichkeit neu zu präsentieren, beinhalte die Botschaft, auf der Grundlage eines modernen, ganzheitlichen Präventionsansatzes eine globale Präventionskultur zu etablieren und voranzubringen, sagte Stoové. Er sei zuversichtlich, dass mit dem XX. Weltkongress 2014 eine neue Ära in der Prävention eingeläutet werde.

Alexander Gunkel und Wellington Chibebe: Prävention muss umfassend sein

Die unterschiedlichen Sichtweisen der Sozialpartner diskutierten in einer Dialogrunde Alexander Gunkel, der die Internationale Organisation der Arbeitgeber (IOE) und die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) vertritt, sowie Wellington Chibebe vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) mit Sitz in Belgien. Um Prävention in den Betrieben erfolgreich umzusetzen, sei ein kohärentes, verständliches und einfach zu handhabendes Regelwerk unverzichtbar, sagte Gunkel. Insbesondere kleinere Unternehmen seien mit komplizierten Vorschriften schnell überfordert. Der Nutzen einer umfassenden Präventionskultur sei für die Unternehmen unbestritten. Schon die Schule solle sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, forderte Gunkel. Denn Prävention müsse umfassend verstanden werden und dürfe sich nicht allein auf den Betrieb beschränken. Wellington Chibebe sprach sich insbesondere mit Blick auf die Situation in Afrika für einen Dialog der Sozialpartner aus. Noch immer sei es so, dass den Gerätschaften und Maschinen mehr Aufmerksamkeit zuteil werde als den arbeitenden Menschen und ihren Familien.

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Kevin Myers: Persönliches Leid verhindern

Die Veranstaltung solle ein Katalysator sein, der die Leidenschaft und Kultur für mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit weltweit befeuere, wünschte sich Kevin Myers vom Weltkongress 2014. Der Präsident der Internationalen Vereinigung für Arbeitsinspektion erinnerte daran, dass Arbeitsschutz seit Menschengedenken ein besonderes Anliegen ist, und zeigte die großen Erfolge auf, die bislang auf dem Gebiet der Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit weltweit erreicht wurden. So verringerte sich allein in Großbritannien die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle in den vergangenen 100 Jahren von etwa 4.500 auf heute 133. Er appellierte jedoch, hinter all den Statistiken nicht das persönliche Schicksal der Verletzten und Hinterbliebenen aus den Augen zu lassen: „Wir haben die Mittel, um diese Leiden zu verhindern.“ Damit diese erfolgreich seien, erfordere es Maßnahmen von jedem einzelnen: „Unabhängig von unserem Land, der Industrie oder Branche, die wir vertreten: Jeder von uns hat einen Beitrag zu leisten – und dies sollten wir gemeinsam tun“, so Myers.

Ministerrunde: Internationale Herausforderungen für den Arbeitsschutz

harmony hallNicht nur Expertinnen und Experten für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit waren bei der Eröffnungsveranstaltung zugegen, auch Ministerinnen und Minister sowie hochrangige Regierungsvertreter waren anwesend. So etwa die finnische Sozialministerin Laura Räty, der Erste Parlamentarische Staatssekretär vom Ministerium für Arbeit in Singapur Hawazi Daipi sowie Xu Shaochuan, der Vize-Minister der Staatlichen Behörde für Arbeitssicherheit aus China. In einer Gesprächsrunde mit dem Moderatorenduo Karl-Josef Thielen und Claudia Kleinert erläuterten sie, welche Herausforderungen im Arbeitsschutz sie in ihren Ländern meistern müssen. So ist zum Beispiel in China die Situation der Wanderarbeiter nach wie vor ein Problem, dem die Regierung nun mit neuen Gesetzen sowie einem mehrere Milliarden Yen teuren Programm entgegentreten will. In Finnland sucht man dagegen nach Strategien gegen den demografischen Wandel, um Menschen länger arbeitsfähig zu erhalten. Und in Singapur geht man für mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit manchmal auch eher ungewöhnliche Wege: Mit der „Sicherheitsminute“, einer einminütigen Diskussion vor Arbeitsbeginn zum Thema Arbeitsschutz, möchte man das Bewusstsein für Prävention steigern und erhalten.

Joachim Breuer: Wir müssen uns einmischen!

„Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind keine Nebensache! Sie sind nichts Geringeres als die Voraussetzung für dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Stabilität!“ Dr. Joachim Breuer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), stellte in seinem Eröffnungsvortrag drei Forderungen in den Raum, um der Prävention neuen Schwung zu verleihen: „Wir – die für Prävention Verantwortung tragen – müssen uns mehr einmischen, müssen klare, positive Visionen entwickeln und schließlich diejenigen zusammenbringen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen“. Es gehe darum, dass Menschen ihre Träume, Ziele und Wünsche sicher und gesund erreichen können.

Auch sei es an der Zeit, endlich dem Vorwurf entgegenzutreten, Prävention stelle eine Be- oder Verhinderung unternehmerischer Aktivität dar, sagte Breuer. Oft heiße es auch, Prävention schaffe ein Bürokratiemonster, das den Unternehmergeist der Menschen fessele und die Grundlagen des Wohlstands zerstöre. Dies, so Breuer, sei eine Scheindebatte, bei der Sicherheit und Gesundheit als Sündenbock herhalten müssten für das, was an anderer Stelle falsch laufe. Wer eine neue Präventionskultur schaffen wolle, brauche zudem eine neue Sprache, die verstanden werde. Warum über Sicherheit und Gesundheit „bei der Arbeit“ sprechen, wenn es doch um die Sicherheit und Gesundheit „der arbeitenden Menschen“ gehe, fragte der DGUV-Hauptgeschäftsführer.

Das Thema Sicherheit und Gesundheit gelte zudem als ein Konfliktfeld zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber auch zwischen Unternehmen und Verbrauchern, stellte Breuer fest. Aber auch dies treffe nicht zu. Die Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher möchte, dass die diejenigen, die ihre Kleidung, ihre technischen Geräte oder das Spielzeug der Kinder herstellten, unter gesunden und sicheren Bedingungen arbeiteten. Breuer: „Keiner kauft ein Handy, an dem Blut klebt!“ Deshalb halte er den Konflikt zwischen Wirtschaft und Prävention für einen Schein-Konflikt, denn allen sei klar, dass Prävention auf lange Sicht der günstigere Weg sei. Sie sei für praktisch alle Seiten ein Gewinn – für die Unternehmen, die Beschäftigten, den Staat, die Sozialversicherung, den Verbraucher und viele weitere Gruppen der Gesellschaft. Deshalb komme es mehr denn je darauf an, die Menschen für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen zu begeistern, gerade, aber nicht nur auf diesem Kongress.

Text: Norbert Ulitzka, Sanja Zec